Zahnradfabrik Lechleitner: Antrieb für deutschen Wirtschaftsmotor

Antriebswellen, Ritzel und Zahnräder jedweder Art. Die Zahnradfabrik Lechleitner gibt der Wirtschaft buchstäblich Antrieb. Warum das jetzt noch besser geht.

von Carsten Janecke / Hellweger Anzeiger

Dieser Artikel ist ursprünglich beim Hellweger Anzeiger erschienen. 

Wir bedanken uns, dass uns Text und Bilder zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt wurden. Das Urheberrecht liegt beim Hellweger Anzeiger / Carsten Janecke. 

Frank Fischer blickt andächtig auf die Kapp Niles ZE 800. Das ist eine sogenannte Profilschleifmaschine, beinahe haushoch, in der Zahnräder jedweder Art bearbeitet werden. Die Maschine arbeitet so genau, dass es dabei nicht um Millimeter geht. „Es geht um Mikrometer“, präzisiert der 58-jährige Geschäftsführer der Zahnradfabrik Lechleitner.

Seit 1928 fertigt das Unternehmen in Kamen auf Bestellung Zahnräder, Ritzel und Antriebswellen fast jedweder Art und Größe – für kleine Maschinen, große Anlagen und für alles, wo Zahn um Zahn Kraft übertragen werden muss. Und, wie gesagt, das mit der Genauigkeit von Mikrometern, auch Mü genannt und mit „μm“ gekennzeichnet. Sprich: ein Mikrometer gleich ein tausendstel Millimeter oder in Zahlen: 0,001 Millimeter.

Historische Villa als Erkennungszeichen

Erkennungszeichen an der Borsigstraße ist die historische Villa Lechleitner, jüngst modernisiert, mit ihrer wechselvollen Geschichte. Direkt daneben befindet sich die Werkshalle, etwa 1300 Quadratmeter groß, in der 18 Mitarbeiter Präzisionsteile für die Industrie anfertigen. Damit Fahrzeuge, Maschinen und auch ganze Kraftwerke laufen, greift hier im wahrsten Sinne des Wortes ein Zahnrad ins andere.

Hundertstel Millimeter, tausendstel Millimeter, ein Vielfaches dünner als ein menschliches Haar: Die neue Profilschleifmaschine, die gerade vom Berliner Anwendungstechniker Bernd Schulze in Betrieb genommen wird, arbeitet in diesem Genauigkeitsbereich, um die Zahnräder noch präziser werden zu lassen. Sie schleift die sogenannten Zahnflanken. Das sind die Innen- und Außenseiten der Zähne, die später ineinander greifen. Warum das wichtig ist? Fischer: „Die Genauigkeit wird größer, das Geräusch geringer und die Langlebigkeit gesteigert.“

Zahnräder für Rennmotoren

Ohne Zahnrad kein Antrieb. Aus der Zahnradfabrik gehen Neuanfertigungen und Ersatzteile in Walzwerke für die Stahlindustrie, in Turbinen für Gaskraftwerke, in Tunnelbohrmaschinen, Verpackungsanlagen und in die Getränkeabfüllung. „Sie sind für Mähdrescher und Bagger, für Fördertechnik und Fahrgeschäfte in Vergnügungsparks“, sagt Fischer. Und auch für durchzugskräftige Rennmotoren und wuchtige Satellitenschüsseln, die mit Drehvorrichtungen „made in Kamen“ in den Weltraum blicken. 

Die Spannbreite liegt vom wenige Zentimeter großen Ritzel bis zum 1,6 Meter Durchmesser großen Zahnrad, 1,6 Tonnen schwer. Und bei manchen Zahnrädern liegen die Zähne nicht außen, sondern innen. Etwa 300 Betriebe versorgt Lechleitner bundesweit. Fischer: „Wir wissen nicht immer ganz genau, wo die Teile, die wir liefern, verbaut werden, eingesetzt werden sie aber weltweit.“

Eine Arbeitswelt mit besonderem Vokabular

In einer für die Wirtschaft anstrengenden Zeit mit hohen Energiekosten, Zoll-Kapriolen, erdrückender Bürokratie und vielen weiteren Unsicherheiten blickt Fischer auf eine stabile Auftragslage. „Deswegen haben wir es uns getraut, das zu machen“, sagt er über die Investition in einer hohen sechsstelligen Summe, mit der er dem allgemeinen Abwärtstrend in Deutschland buchstäblich die (Zahnrad-)Zähne zeigt.

Die Investition sei fraglos in Zeiten erfolgt, in der die Wirtschaft insgesamt rückläufig sei. „Der Gedanke, dass es jederzeit noch schlechter werden kann, darf aber nicht das Handeln bestimmen. Unter der Prämisse dürfte man dann gar nicht mehr investieren“, sagt der studierte Maschinenbauer, dessen Arbeitswelt von Begriffen wie „Doppelschrägverzahnung“, „Flankenspiel“ und „Kantenbrechung“, bestimmt wird. Die Anschaffung der neuen Anlage sei für die Firma, die 1928 von Karl Lechleitner als Reparaturwerkstatt für Kraftwagen und Krafträder mit angeschlossener Zylinderschleiferei an der Oststraße gegründet wurde, ein „Schritt in die Zukunft.“ Besonderheit an Kamens Zahnradfabrikation: Für das Anfertigen von kompliziert wirkender Antriebstechnik wie Schneckenwellen, Planetenrädern und Laufverzahnung bedarf es nicht immer digitaler Daten oder technischen Zeichnungen. 

Das Bauteil, selbst wenn es zerstört ist, reicht oftmals als Grundlage, um das gewünschte Ersatzteil herzustellen. Und mit der Kapp Niles ZE 800 nun vermutlich besser als das Original. Fischer: „Für mich ist es ein Traum, so eine Maschine zu haben.“

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